Zusammenarbeit mit Eltern und Kindern

vom 18.08.2017

AWO hat Kita-Fachtag veranstaltet

Kita-FachtagSabine-Redecker.jpg Sabine Redecker, Dozentin Fachhochschule Kiel
Die Zusammenarbeit von Kindertagesstätten mit den Eltern und den Familien stand am 17. August 2017 im Fokus eines Kita-Fachtags der AWO Region Hannover e.V.  mit rund 300 Teilnehmenden in den AWO Räumen im Ahrgbergviertel in Hannover-Linden. Die Zusammenarbeit zwischen pädagogischen Fachkräften, Müttern, Vätern und Familien liefert einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung von Kindern, insbesondere in deren frühen Lebensjahren. Im Rahmen einer Erziehungspartnerschaft geht es darum, dass alle Beteiligten als Partner auf Augenhöhe zum Wohle der Kinder kooperieren. Doch wie können Fachkräfte, Eltern und Familien an einem Strang ziehen?

Das Thema „Zusammenarbeit mit den Eltern und den Familien“ rücke in den Kindertagesstätten immer mehr in den Blickpunkt, sagte Ingrid Kröger AWO Fachbereichsleiterin Tageseinrichtungen für Kinder, auf der Veranstaltung. „Durch die Fachreferenten bekommen wer noch einmal ganz neue Impulse.“ „Uns ist es wichtig, die Arbeit in den Kindertagesstätten kontinuierlich zu verbessern, und dazu trägt dieser Fachtag bei“, ergänzte AWO Geschäftsführer Burkhard Teuber.

Den Teilnehmenden des Fachtags – AWO Mitarbeitende sowie Schüler/innen und Lehrkräfte aus den Fachschulen – wurde ein umfassendes Angebot mit verschiedenen Workshops und einer abschließenden Podiumsdiskussiongeboten. Auf dem Markt der Möglichkeiten gab es Informationen zum Thema, unter anderem Best Practice Beispiele aus den AWO Kitas. Das Team vom Café Mobil der AWO versorgte die Teilnehmenden mit Kaffee-Spezialitäten.

„Viele unterschiedliche Erwartungen mit denen Mütter und Väter pädagogische Fachkräfte täglich konfrontieren, können zu gegenseitigen Verunsicherungen führen“ sagte Sabine Redecker, Dozentin an der Fachhochschule Kiel, die den Fachtag mit einem Impulsreferat eröffnet hat. Die Referentin machte deutlich: Nicht die Mütter und Väter gestalteten die Kooperation, das sei die Aufgabe der Fachkräfte.“

„Kinder sind darauf angewiesen, dass ihre Erzieherin/ihr Erzieher vertrauensvoll mit ihren Eltern zusammen arbeiten“, betonte Rita Maria Rzyski, Dezernentin für Bildung, Jugend und Familie der Stadt Hannover auf dem Fachtag.  Kinder benötigten die Gewissheit, dass sich Eltern und Erzieher verständen, damit sie nicht in Loyalitätskonflikte gerieten und das Gefühl bekämen, sie sich für eine Seite entscheiden oder zwischen Eltern und Erziehungskräften vermitteln zu müssen. Rzyski: „Man sollte nie die feinen Antennen unterschätzen, die Kinder haben, wenn um Störungen zwischen Erwachsenen geht.“

Den Abschluss des Fachtags bildete eine Podiumsdiskussion unter dem Motto "Zum Wandel der Zusammenarbeit mit Eltern und Familien". Die Workshop-Leiterinnen und Workshop-Leiter diskutieren mit Ingrid Kröger, Birgit Merkel, stellvertretende AWO Vorsitzende und Rita Maria Rzyski.
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Die Referentinnen und Referenten:

Sabine Redecker, Kindheitspädagogin B.A., Dozentin Fachhochschule Kiel
„Elternrechte und die ‚Die Kinderstube der Demokratie‘“

Die Erfahrungen der Fachkräfte, die sie bei der Umsetzung von Partizipation mit Kindern sammeln, können sie dabei unterstützen, auch ihre Elternkooperation klarer zu definieren und ihre konzeptionelle Bildungs- , Erziehungs- und Betreuungsarbeit besser gegenüber den Müttern und Vätern zu vertreten. Damit Partizipation von Kindern umfassend gelingt, hat sich die Verfassunggebende Versammlung nach dem Konzept »Die Kinderstube der Demokratie« (vgl. Hansen, Knauer, Sturzenhecker 2011) für Kitateams seit vielen Jahren bewährt. Dabei werden die Teams durch Multiplikator/ innen für Partizipation in Kindertageseinrichtungen begleitet. Wenn pädagogische Fachkräfte erfahren haben, dass ein verabredetes partizipatives Handeln sie darin unterstützt, ihre Arbeit besser an den Bedürfnissen und Interessen der Kinder auszurichten, dann stellt sich die Frage, ob die Beteiligung der Mütter und Väter in der Kita nicht auch durch eine Klärung der Mitentscheidungsrechte verbindlicher gestaltet werden kann.

Vielfältige Erwartungen von Müttern und Vätern an die Kindertagesbetreuung
Die vielen unterschiedlichen Erwartungen, mit denen Mütter und Väter pädagogische Fachkräfte täglich konfrontieren, können unter Umständen zu Verunsicherungen seitens der Fachkräfte, aber auch seitens der Eltern führen. In den folgenden Äußerungen pädagogischer Fachkräfte drückt sich beispielhaft aus, wie diese das Spektrum elterlicher Erwartungen wahrnehmen können:
•    Familie A. erwartet Programme wie zum Beispiel »Englisch« für ihr Kind.
•    Familie B. überlässt den pädagogischen Fachkräften die Erziehungsverantwortung und reagiert verständnislos, wenn die Fachkräfte auf eine erforderliche Unterstützung zur Entwicklungsförderung des Kindes seitens der Familie hinweisen.
•    Familie C. äußert sich kritisch über die Qualifikationen der pädagogischen Fachkräfte und traut ihnen eine angemessene Begleitung der Bildungsprozesse des eigenen Kindes nicht zu.
•    Familie D. richtet ihren Fokus auf den Bildungsabschnitt Schule und erwartet vor allem im letzten Jahr vor der Einschulung schulähnliche Formen in der pädagogischen Arbeit.

Klar ist hierbei: Nicht die Mütter und Väter gestalten die Kooperation, das ist die Aufgabe der Fachkräfte. Den Fachkräften gelingt die Darstellung ihrer pädagogischen Ausrichtung gegenüber den Eltern besser, wenn sie sich darüber in einem gemeinsamen Teamprozess verständigen. Sie müssen wissen, warum sie auf die eine oder andere Weise pädagogisch handeln, und sie müssen dieses Handeln gegenüber den Müttern und Vätern immer wieder transparent darstellen und begründen. Wenn den Fachkräften dies gelingt, gewinnen sie in der Regel das Vertrauen der Mütter und Väter in ihre Arbeit. Vertrauen braucht Sicherheit, und diese Sicherheit schaffen pädagogische Fachkräfte durch eine klare Haltung bezüglich der Bildungs- , Erziehungs- und Betreuungsprozesse. Die gemeinsame Einführung von verbindlichen partizipativen Strukturen sollte sich deshalb nicht nur auf die Kinder beziehen, sondern sich auch auf die Kooperation mit den Müttern und Vätern auswirken. Hilfreich ist hier auch der Blick in die jeweiligen Bildungsrahmenpläne der Bundesländer. Diese definieren im Grundsatz ein klares Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsverständnis der Kindertageseinrichtungen. Des Weiteren sorgen gesetzliche Vorgaben wie § 8a SGB VIII und das seit 2012 in § 45 SGB VIII verankerte Beteiligungs- und Beschwerderecht der Kinder für einen verbindlichen Kinderschutzrahmen. § 22a SBG VIII schreibt zwar vor, dass Fachkräfte mit den Erziehungsberechtigten zusammenarbeiten sollen und diese »an den Entscheidungen in wesentlichen Angelegenheiten der Erziehung, Bildung und Betreuung zu beteiligen« sind, in den gesetzlichen Bestimmungen findet sich jedoch keine Grundlage dafür, jeden Elternwunsch umzusetzen. Diese rechtlichen Rahmenbedingungen bieten pädagogischen Fachkräften eine Orientierung im Dialog mit Müttern und Vätern. Die Gewissheit, dass ein fachlich fundiertes Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsverständnis gesetzlich getragen wird, ist eine wesentliche Voraussetzung, um die Ziele der Elementarpädagogik auch gegenüber den Eltern sicher vertreten zu können.

Die Entstehung eines Elternrechtekatalogs
Vor diesem Hintergrund entstehen zurzeit in einigen Kindertageseinrichtungen Elternrechtekataloge in Anlehnung an das Verfahren der Verfassunggebenden Versammlung zur Festschreibung der Mitentscheidungsrechte der Kinder (vgl. Hansen, Knauer, Sturzenhecker 2011, S. 155f.). Dies dient der Einführung gemeinsamer verbindlicher partizipativer Strukturen, die sich nicht nur auf die Kinder beziehen, sondern auch  auf die Kooperation mit den Müttern und Vätern. In die Einführung eines Elternrechtekatalogs werden alle Eltern eingebunden. Vor allem der Elternbeirat sollte von Beginn an über das Vorhaben der Kita informiert werden.

Mit dem Elternrechtekatalog schaffen die Einrichtungen eine gute Voraussetzung für eine gelingende Umsetzung der Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsarbeit in der Kita im Einvernehmen mit den Eltern.   

Quellen:
Sabine Redecker in:  Kita aktuell ND_2016_06_10 und Kita spezial 4 /2016                                                                    
R. Hansen/ R. Knauer/ B. Sturzenhecker (2011): Partizipation in Kindertageseinrichtungen, So gelingt Demokratie mit   Kindern! Verlag das netz, Weimar, Berlin.

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Bernd Brixius, Diplom-Pädagoge, Diplom-Psychologe, Leitung und Geschäftsführung von praepaed e.V.
„join! sich verbinden, sich zusammentun… ein Programm für Flüchtlingsfamilien und Stadtteilfamilien“

Von FuN zu join!
In den letzten Jahren rücken in Erziehungs- und Bildungseinrichtungen geflüchtete Familien und ihre Kinder verstärkt in den Blickpunkt sowie die Frage, wie hier dauerhaft lebende Familien aus anderen Kulturen gut integriert werden können.
   
Das präventive Familienprogramm FuN (Familie und Nachbarschaft) wurde als Programm zur Integration von und zur Arbeit mit Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf konzipiert und hat sich in vielen Einrichtungen für die Zielgruppenarbeit mit Migrationsfamilien und Familien mit hohem Problemdruck bewährt. Es fördert die Erziehungskompetenz von Eltern, stärkt den inneren Zusammenhalt der Familie und hilft ihnen, sich mit anderen Familien zu vernetzen. Es handelt sich um ein Programm zur Prävention von Gewalt und von Burnout in der Familie.                                                                                                                                                        
Die Arbeit mit der Zielgruppe der geflüchteten Familien stellt wegen noch fehlender Sprachkompetenzen und emotionaler sowie psychischer Belastungsfaktoren höhere Herausforderungen an Methodik und Konzeption des Programms. Das join-Konzept wurde daher auf der Basis von FuN entwickelt.

Das join-Konzept
"Den Anderen, den Fremden kennen zu lernen, ist Gift für Vorurteile". So hat Jürgen Mitsch, einer der Gründer von Pro Asyl formuliert. Persönlicher Kontakt zwischen Familien trägt dazu bei, Vorurteile abzubauen und damit die Voraussetzung für Integration zu schaffen. join! leistet damit einen Beitrag zu der großen Aufgabe, die aus vielen Krisengebieten der Welt hier bei uns Zuflucht suchenden Menschen aufzunehmen und ihnen menschenwürdige Lebensperspektiven zu ermöglichen.

Programmstruktur zur Vermittlung nachhaltiger Alltagskontakte                                                                                                   
Im Projekt treffen Stadteilfamilien auf Flüchtlingsfamilien. Eltern und Kinder, die schon länger hier leben, treffen auf Eltern und Kinder, die aus Krisengebieten dieser Welt hier bei uns Zuflucht suchen. Bei gemeinsamen Spielen am Familientisch oder bei der gemeinsamen Suche nach Lösungsmöglichkeiten für eine Aufgabe lernen alle, sich über Sprach- und Kulturgrenzen zu verständigen, z. B. ‚mit Händen und Füßen zu sprechen‘. Dabei werden soziale Unsicherheiten abgebaut und es entstehen Beziehungen, die gegenseitiges Lernen ermöglichen. Die vielen kleinen gemeinsamen Situationen an den Familiennachmittagen und auch die darauffolgenden gemeinsamen Treffen in der Gruppe führen zu einem vertrauten Umgang miteinander. Sie bieten die Chance, dass die Kontakte auch in den Alltag hinein wirksam bleiben, dass die Familien sich unterhalten, wenn sie sich z. B. zufällig beim Einkauf im Supermarkt treffen, oder dass die Kinder sich nachmittags verabreden und darüber auch Kontakt zwischen den Eltern entsteht, oder dass Einladungen für gemeinsame Feste oder gemeinsame Unternehmungen gemacht werden oder dass Stadtteileltern die Eltern der Flüchtlingskinder mit zum Elternabend in die Kita nehmen.  

Die Freiwilligen sind sehr bedeutsam für die Entwicklung des Projekts join! denn Ziel ist, dieses Angebot für Familien im Stadtteil zu etablieren und die Gruppe der Freiwilligen zu befähigen, das Programm auch nach Projektende bei Bedarf in eigener Regie fortzuführen.

Die Freiwilligen werden für diese Aufgabe ausgebildet und auch über den gesamten Projektzeitraum von Fachleuten begleitet und unterstützt. An acht Standorten (Hannover, Osnabrück, Hamm, Münster, Aachen, Wiesbaden und Düsseldorf) im Bundesgebiet werden von Familienzentren und/oder Familienbildungsträgern Fachleute eingesetzt, die Freiwilligengruppen koordinieren. In Hannover handelt es sich hierbei um die Evangelische Familien-Bildungsstätte Hannover e.V.  An jedem dieser Projektstandort werden während der dreijährigen Laufzeit sechs join!-Programmreihen von je fünf Nachmittagen durchgeführt.

Ziel des Projekts:
Das join!-Projekt will der Segregation/Isolation der Flüchtlinge in ihren Unterkünften entgegenwirken und Räume schaffen, in denen Integrationsprozesse wachsen können. Eine weitere Zielsetzung des join!-Projekts ist die stärkere Vernetzung im Stadtteil. Zielgruppe von join! sind Familien mit Kindern im Kita-und Grundschulalter. Voraussetzung für die Ansprache und Motivierung der Stadtteilfamilien ist also eine gute Zusammenarbeit mit den Kitas und der Grundschulen im Stadtteil. Umgekehrt wirkt join! auf die Arbeit anderer pädagogischer Einrichtungen im Stadtteil, weil das Projekt ein Modell für Integration von Flüchtlingsfamilien auf Augenhöhe darstellt.

Bisherige Projekterfahrungen:
Seit dem Frühjahr 2015 hat z.B. in Münster-Gievenbeck jedes halbe Jahr ein join!-Angebot für Familien stattgefunden. Der Kreis der join!-Familien im Stadtteil wächst so fortlaufend. Zwischen den Programmreihen finden join!-XXL-Treffen statt, bei denen die neuen Teilnehmerfamilien die Familien der früheren Programmreihen kennenlernen können. Diese multikulturellen Feste verstärken die Vernetzungen und kooperativen Strukturen im Stadtteil.

Die bisherigen Erfahrungen bestätigen die Zielsetzung des Programms. Wir konnten immer wieder beobachten, dass sich im Laufe der 5 Nachmittage ein Gruppengefühl – ein ‚Wir‘-Gefühl   -  zwischen den Familien entwickelt hat. Dies wurde darin sichtbar, dass sich die Familien gegenseitig besucht haben, sich zu Festlichkeiten eingeladen oder zu gemeinsamen Unternehmungen verabredet haben.

Seit Februar 2016 erhält  das Institut praepaed e.V., welches als Träger fungiert, eine Förderung der Stiftung Aktion Mensch, um an sieben Standorten im Bundesgebiet Erfahrungen mit dem Projekt join! zu machen.

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Axel Hengst, Diplom-Pädagoge, arbeitet bei mannigfaltig e.V:
„Väter und ihre Freude am Miteinander“

Väter – anders sehen und offen begegnen
In den vergangenen Jahren hat sich vielerorts die Erkenntnis durchgesetzt, dass in den unterschiedlichen Formen der Kinder- und Jugendarbeit auch die Arbeit mit Familien, v.a. die mit den Eltern, eine wichtige Bedeutung hat. Diese Erkenntnis entstand auch, weil neben der so genannten traditionellen Familie viele weitere Formen des familiären Zusammenlebens – z. B. alleinerziehende Menschen, Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien – den Alltag prägen. Auch bei der Aufteilung der Aufgaben und Zuständigkeiten innerhalb der Familie beginnt ein Prozess der Veränderung.

Weiterhin ist es innerfamiliär noch so, dass die Mütter den Hauptanteil der Familienarbeit und damit auch die Verbindung zu den Einrichtungen des Kindes darstellen. Gerade aber die Zahl derjenigen Väter, die sich interessieren, die ihre Kinder in die Einrichtung bringen oder abholen, die Erziehungsfragen stellen und auf Elternabenden präsent sind, steigt. Allgemein befindet sich die Arbeit mit Familien derzeit in einem neuen Spannungsfeld bzw. muss sich neuen Herausforderungen stellen. Nach wie vor bestimmen Bilder von Familien mit so genannter traditioneller Arbeitsteilung das Handeln vieler. Die steigende Präsenz von Vätern und Menschen, die in vielfältigen anderen Familienformen leben, hat die Arbeit mit Familien aufmerksamer gemacht und verändert. Aber nach wie vor sehen Männer oft erst einmal wenige Möglichkeiten, sich einzubringen, fühlen sich außen vor und sind vorsichtiger, sich in der neuen Umgebung der Kinder mit ihren Fragen zu zeigen.     
                                                                                                                
Auch wenn es zu diesen Beschreibungen Ausnahmen gibt, prägen noch immer Berichte von Männern und Vätern das Bild, dass zwei ebenso füreinander Bestimmte nicht zueinander finden und beschreiben eine „unheilvolle“ Vorsichtigkeit, die die Begegnung kennzeichnet.

Aber:
Väter wollen Zeit mit ihren Kindern verbringen.
Väter wollen teilhaben am Leben ihrer Kinder und Teil ihrer Welt sein.
Väter wollen die Realitäten der Kinder  (ihre Fragen und Nöte) erfahren.
Väter wollen nicht nur Familienernährer sein, sondern zunehmend auch Erziehungsaufgaben übernehmen.
Väter wollen andere Väter treffen.

Deshalb ist es wichtig, die Väter mit einem offenen Blick wahrzunehmen, denn all ihre Begegnungen und Beziehungen zu ihren Kindern haben ihre ganz eigene Qualität. Hier ist es wenig hilfreich, die Eltern miteinander zu vergleichen nach dem Motto „Wer erzieht besser?“ oder auf die Versäumnisse von Vätern zu sehen. Denn aus Kinderaugen gesehen sind alle liebenden Elternteile in ihrer Verschiedenheit, die Welt zu betrachten, gesucht und gewollt.

Daneben ist es eine wesentliche Aufgabe für Fachkräfte und Bezugspersonen der Kinder und Jugendlichen, den Vätern zu vermitteln, dass sie ein wichtiger Teil im Leben der Kinder sind und ihre Art und Weise, aber auch ihre Unterschiedlichkeiten untereinander das „Leben zu lesen“, es zu entdecken und anzugehen, für die Kinder und in der Einrichtung gebraucht werden.

Väter – eine neue Zielgruppe?
Es lässt sich beschreiben, dass das Vater-Werden und das Vater-Sein eine neue Aufwertung und Beachtung erfährt. Dies ist an sich aber noch nicht der Schritt, Väter in die Erziehungspartnerschaft mit Einrichtungen zu bekommen. Um das zu erreichen, braucht es einerseits eine wertschätzende Haltung des Personals und der Institution für die noch so kleinen Schritte, die die Väter tun, und womit sie sich auf einem für sie neuen und unbekannten Terrain bewegen. Andererseits ist es wichtig, eine „Suchbewegung“ zu beginnen, die sich Fragen stellt und Neues ausprobiert, wie und mit was die unterschiedlichen Väter ihre Verbundenheit zu den Einrichtungen und Begegnungsorte stärken können, um damit dichter an ihren Kindern zu sein. Tageseinrichtung für Kinder sollten daher ein attraktiver Ort für Väter sein.

Denn: Kinder freuen sich über ihre anwesenden Väter. Es geht um das Miteinander, das Herstellen eines Ortes der Kommunikation, des fragen Könnens.  Hierzu gehören unter anderem „väternahe“ Betätigungsmöglichkeiten. Darüber hinaus soll auch der Raum zum Austausch mit anderen Vätern ermöglicht werden. Es geht demnach um die Tageseinrichtung für Kinder als einen Ort für Väter und ihre Freude am Miteinander.

Möglichkeiten die Zugänge zur Einrichtung für Väter zu stärken gibt es vielfältig: Diese sind zum Beispiel die Ansprache: „Liebe Mütter und Väter“ statt „Liebe Eltern“ in Aushängen oder Elternbriefe zu verwenden, die Zugänge zu Informationen direkt an Familien / Väter, (z.B. per Mail) zu versenden und „Events“ in der Einrichtung zu schaffen oder zu  nutzen (z.B. Sport- oder Bauevents).

Die  Haltung in der Arbeit mit Vätern  ist gleichzeitig die  „positive“ Grundeinstellung um die es gehen soll.  Sie beinhaltet  Ressourcenorientierung in der Sicht ebenso wie die eigenen Herangehensweisen, Wertmaßstäbe und Selbstbilder von Vätern zu erkennen und verstehen zu wollen, ohne diese zu werten. Darüber hinaus ist die Fülle an positiven Dingen wertzuschätzen, die Väter im Umgang mit ihren Kindern leisten, um ihnen und Kindern als Erziehungspartner zur Seite zu stehen.

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Elke Schlösser, Diplom-Sozialarbeiterin, Fach- und Bilderbuchautorin
„Erziehung im interkulturellen Zusammenhang‘“

Welche pädagogische Haltung in der Kooperation mit Eltern ist angemessen?
In dem Workshop „Erziehung im interkulturellen Zusammenhang“ wurde  sich mit den einleitenden Fragen: Wie kann ich Eltern verstehen und anerkennen? Welche pädagogische Haltung in der Kooperation mit Eltern ist angemessen? und Wie können Eltern das Kita-Konzept verstehen und anerkennen? Wie gelingen Dialog und Partizipation? beschäftigt. Diese Fragen zu beantworten gelingt besonders gut, wenn vorab die pädagogischen Haltungen hin zur Zusammenarbeit mit Eltern reflektiert, geklärt und ggf. auch in der Konzeption schriftlich fixiert werden. Ich möchte Ihnen eine Anregung zur Weiterentwicklung einer pädagogischen Haltung in der Kooperation mit Eltern anbieten, die mich selbst immer bereichert hat. Dazu nutze ich einen besonderen Sinnspruch:

„Es ist eine Kunst, jemanden in seinen reifen Möglichkeiten wahrzunehmen und ihn in diesen Möglichkeiten zu bestätigen, also nicht nur in dem, was er ist, sondern sogar in dem, was er sein und werden könnte.“ (Martin Buber, jüdisch-christlicher Philosoph, 1878-1965)

Auch die Kooperation mit Eltern sollte einer pädagogischen Philosophie folgen. Denn sobald wir uns Gedanken über unser Menschenbild machen, welches uns in der Pädagogik leitet, sind wir quasi mit philosophischen Überlegungen beschäftigt. Wenn wir uns fragen, wie wir für unsere persönlichen pädagogischen Haltungen von philosophischen Aussagen profitieren können, so können wir bei Sinnsprüchen von Philosophen fündig werden und uns davon bereichern lassen.

Für philosophische Sätze ist typisch, dass sie sich evtl. in ihrer tiefen Bedeutung nicht gleich im ersten Lesen erschließen, sondern dass sie gedanklich gedreht und gewendet, gefühlt und hinterfragt, interpretiert und reflektiert werden müssen. Beispielhaft möchte ich dies für diesen Satz hier tun. Was meint Buber im oben genannten Zitat?

Meines Erachtens ist gemeint, dass wir alle uns ein Leben lang entwickeln und zu keinem bestimmten Zeitpunkt des Lebens sozusagen fertig sind. Bis an unser Lebensende haben wir alle Entwicklungsmöglichkeiten. Er nennt sie reife Möglichkeiten, was eigentlich verwunderlich ist, denn Reife, sagt ja etwas über einen abgeschlossenen, gewissermaßen vollendeten Prozess aus. Ich verstehe diese sprachlich besondere Wendung so, dass der Mensch immer – zu jedem Zeitpunkt – reif dazu ist, eine weitere seiner Möglichkeiten zu nutzen. Und daher gefällt mir diese Formulierung ausgesprochen gut.

Buber möchte nun und diese Haltung zieht sich durch sein gesamtes Denken, dass der Mensch, der zwar über seine Möglichkeiten verfügt, aber noch nicht seine volle Reife entwickelt hat, trotzdem mit Respekt und Achtung behandelt wird. Obwohl er noch Unfertigkeiten und Schwächen hat, Ecken und Kanten, Haken und Ösen, verdient jeder Mensch nach seiner Auffassung die volle Wertschätzung der Mitmenschen.

Gehen wir noch etwas anders an diesen philosophischen Gedanken heran: Fragen wir uns einmal, ob es in unserem nahen Umfeld eine Person gibt, die uns sehr gut kennt, mit unseren reifen Möglichkeiten, aber eben auch mit unseren Unfertigkeiten, Ecken und Kanten und Haken und Ösen. Ist da eine Person dabei, die uns stets mit voller Achtung behandelt, uns immer Ihre Zustimmung als Mensch zeigt, obwohl sie uns so genau kennt? Die uns nie Respekt und Wertschätzung abzieht, bei der wir uns stets so zeigen dürfen, wie wir sind. Auch mit unseren Unsicherheiten, Fragen und Kompliziertheiten?

Ich wünsche jedem von Ihnen mindestens einen solchen Mensch in Ihrer Umgebung. Eine Person – dass können Elternteile sein, eine Schwester, sogar das eigene Kind, ein Sportsfreund, eine Kollegin, eine Tante … - bei der Sie sich fallen lassen können, so sein können, wie Sie sind, keine Rolle spielen müssen. Die sie spüren lässt, dass Sie sich immer als wertvoll fühlen dürfen.

Viele Menschen werden es nicht sein, die Ihnen gegenüber so sind. Doch darauf kommt es gar nicht an! Wichtig ist vielmehr: Wie fühlen wir uns in Gegenwart eines solchen Menschen? Wunderbar! Geborgen! Sicher! Wichtig! sagten mir viele PädagogInnen, die ich das im Rahmen von Fortbildungen fragte. Das kommt daher, dass diese Personen es schaffen, uns das Gefühl zu geben, jetzt schon – so unfertig – sehr wertvoll zu sein! Und dass es ihnen deshalb gar nicht schwerfällt uns schon – quasi als Vorschusslorbeeren – die Anerkennung für die nächsten Reifeschritte zu geben, die eigentlich noch anstehen, die noch in unseren Möglichkeiten sind.

Wir fühlen durch den Glauben der uns unterstützende Menschen schon die Achtung für das, was erst noch kommen wird, was noch ansteht. Das spüren wir dankbar und am Zutrauen dieser Menschen können wir wachsen, unsere Resilienz steigern.

Wir machen dann meist ein Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, dass Sie es schaffen, so oft wie möglich auf Eltern zuzugehen und ihnen ebendieses Gefühl zu geben: dass Sie sie sehen, wie sie gerade jetzt (nach ihren aktuellen Möglichkeiten)  in ihrer Mutter- und Vaterrolle sind. Und dass Sie auch ihre Wachstumschancen in dieser Rolle sehen und ihnen diese zugestehen. Und dass Sie den Eltern das Gefühl geben, sie jetzt schon zu schätzen für das, was sie – wieder als Vorschusslorbeeren – noch sein und werden können.

Wie wirkt sich dies wohl für Ihre Beziehung zu den Eltern und die der Eltern zu Ihnen aus? Auch die Eltern werden erleichtert sein, froh über das Zutrauen von Ihrer Seite. Sie werden auftauen und zulassen können, sich Ihnen gegenüber auch mit Unfertigkeiten in der Mutter- und Vaterrolle zeigen zu können. Sie werden aufatmen, weil sie Ihnen nichts mehr beweisen müssen, nicht mit Ihnen in Konkurrenz gehen müssen, wer das Kind am besten versteht und erzieht. Sie werden nachdenklich sein dürfen und ihre Überlegungen offener mit Ihnen reflektieren und diskutieren können. Und all dies nur, weil sie merken und glauben, dass Sie Ihnen keine Achtung, keinen Respekt und keine Wertschätzung abziehen, nur weil ihre Elternrolle noch nicht fertig ist (… wann ist sie dies überhaupt?).

Mir ist dann abschließend wichtig, noch einmal auf Martin Buber’s Satzbeginn hinzuweisen:  „Es ist eine Kunst …“ Nein, es ist nicht leicht, diese Haltung einzunehmen und sie möglichst oft und  lange durchzuhalten. Aber wenn Ihnen dieser Satz und die Gedanken rundherum auch gefallen, die Überlegungen Ihnen etwas bedeuten und Sie sich dieser Haltung annähern möchten, so können Sie dies jederzeit beginnen. Tag für Tag sind wir gefragt, mit unserem Menschenbild lebendig in den (pädagogischen) Alltag hinein zu leben.

Quelle:  
Schlösser, Elke: Philosophische Gedanken für den Kindergartenalltag. In: Dr. Martin Textor (Hrsg.): Das Kita-Handbuch.
www.kindergartenpaedagogik.de/2362.html
02.08.2016

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Dr. Kathrin Klausing, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück
„Herausforderungen in der Arbeit mit muslimischen Eltern vor dem Hintergrund des Bundeskinderschutzgesetzes‘“

Hintergrund
Hintergrund des Workshops ist die Umsetzung des § 45a des Bundeskinderschutzgesetzes (Partizipation und Beschwerdemanagement für Kinder) und Kinderrechte im Wirkungskreis von Tageseinrichtungen und deren Zusammenarbeit mit Personensorgeberechtigten. Die Berücksichtigung des Elternwillens kann in Einrichtungen dann zu Herausforderungen führen, wenn in der Belegschaft ein divergierendes Verständnis zu Entscheidungsmöglichkeiten der Kinder vereinbart wurde. In Bezug auf muslimische Familien ist der Bereich der Ernährung vielleicht besonders augenscheinlich, aber auch unterschiedliche Vorstellungen von körperlicher Integrität oder allgemein religiöser Entwicklung bieten Stoff für gegenseitige Reflexion. Im Workshop soll zunächst ein kurzer Überblick über den aktuellen Wissensstand zu muslimischen Eltern und Erziehungsvorstellungen in Deutschland gegeben werden. Nach Impulsen zum Umgang mit muslimischen Kindern in Kindertageseinrichtungen werden wir anhand fiktiver Dilemmageschichten Situationen für den Berufsalltag reflektieren.

Muslimische Familien
Der Stand der Forschung zeigt ein Grundsatzproblem der Erfassung von muslimischen Eltern. Oft werden ethnische Zuschreibungen (der berühmte Migrationshintergrund) mit einer religiösen Verortung gleichgesetzt. In der Literatur spricht man gar kritisch von einer Islamisierung der Migranten. Es gibt Studien zu Erziehungsvorstellungen migrantischer Eltern, türkischstämmiger Eltern, muslimischer und griechisch-orthodoxer Eltern. Die Befunde sind oft sehr divers und nicht immer korrelieren sie mit der Religiosität der Befragten - die für sich genommen schon sehr schwer messbar ist. Folgende Ergebnisse zu unterschiedlichen Erziehungsstilen liegen uns derzeit vor:
•    Authochtonen Eltern ist eher die Selbständigkeit und Individualität ihrer Kinder wichtig
•    Türkischstämmige Familien achten eher auf Werte wie Respekt und gutes Benehmen
•    In der Diaspora ist eine Tendenz zu höherem Konservatismus feststellbar
•    Geringerer sozialer Status (bspw. Durch Arbeitslosigkeit) beeinflusst diese Tendenz. Zitat: „Die unterdurchschnittliche materielle Ausstattung von Migrantenfamilien bzw. ihre Deprivation ist ein wichtiger Indikator, um auch Erziehungs- und Integrationsfolgen besser abschätzen zu können: denn arme Kinder aus Migrantenfamilien haben ein doppelt so großes Risiko, desintegriert bzw. gering integriert zu sein als ein Kind aus einer Durchsnittseinkommens-Familie (Beisenherz 2006)“
•    Großer Geschwisterverband mit geringen Altersabstand erhöht das Entwicklungsrisiko
•    Veränderung des Kindes durch Akkulturation für Kinder leichter, aber gleichbedeutend mit Entfremdung von der Kernfamilie

Wichtigkeit religiöser Werteerziehung
Muslime weisen im Vergleich zu deutschen Durchschnittsbevölkerung eine starke religiöse Orientierung auf (Bertelsmann-Religionsmonitor). Religiösität korreliert oft mit positiver Zuwendung zu traditionellen/kulturellen Werten und negativ Hedonismus und Stimulation. Die Zuwendung zur kulturellen Beheimatung außerhalb des Alltagskontextes wirft aber auch gleichzeitig das Problem auf, kulturell und vor allem auch religiös nicht mehr sprachfähig zu sein in Bezug auf die eigenen Kinder, verfehlt also einen ganz essentiellen Bestandteil (religiöser) Erziehung – die Vorbereitung auf die Gesellschaft.

Dennoch wird religiöse Erzeihung schon sehr früh auch als Charaktererziehung angesehen, die nicht erst mit der Religionsmündigkeit beginnt, sondern die Kinder auf diese hin vorbereitet auf der Wissens- als auch auf der Praxisebene – eine für den durchschnittlichen Bürger oft verwirrende oder gar anachronistisch anmutende Haltung.

Religion als Ressource nicht Hindernis
Es sollte trotz aller Andersheit dafür plädiert werden, dass Religion und Religiosität nicht nur als Konfliktstoff, sondern als positive Ressource angesehen wird. Im beruflichen Kontext müssen wir uns ganz klar fragen welche Prioritäten in Bezug auf das Kindeswohl wie warum setzen. Ist uns das körperliche Wohlsein wichtig, die spirituelle Verfasstheit des Kindes eher nicht? Warum ist das so du können wir unterschiedlichen Sichtweisen etwas abgewinnen. Wie gehen wir damit um, wenn an einem entscheidenden Ort der Lebenswelt des Kindes kein Zugang zu dieser für ihn wichtigen Dimension existiert?

Literatur:
Uslucan,
H.-H. (2016). Werte und Werteerziehung in türkischen Familien. Religion unterrichten, Heft 2, 14-16.
Uslucan, H.- H. (2017). Islamische Erziehung in Familien mit Zuwanderungsgeschichte. In P. Antes & R. Ceylan (Hrsg.), Muslime in Deutschland. Historische Bestandsaufnahme, aktuelle Entwicklungen und zukünftige Forschungsfragen (S. 209-223). Wiesbaden: Springer VS Verlag.
U. Fuhrer & H. H. Uslucan (2005) (Hrsg.), Familie, Akkulturation & Erziehung. Stuttgart: Kohlhammer.